Page 48 - Heiligenhauser Magazin 01 2025
P. 48
Mythos „Baumwürger Der Efeu (Hedera helix)Um die furchterregenden Fähigkeiten des
Entwicklung von Blüten und Früchten zu
Efeus als „Baumwürger“ ranken sich unzäh-
gewährleisten, dazu muß er höher hinaus.
lige Geschichten, Gerüchte und Vorurteile,
Für den Efeu besteht aber absolut keine
die sich bei näherer Betrachtung als völlig
Veranlassung in den Kronenbereich des
haltlos erweisen.
Baumes vorzudringen wo letztendlich die
Aber immer wieder wird Efeuwachstum
ganze Fotosyntheseleistung des Baumes
an Bäumen zerstört – eine ökologische
konzentriert ist. Hier wäre die Lichtinten-
Katastrophe, bei der Jahrzehnte alte
sität viel zu stark und würde sich sogar
Efeustämme heimlich - und rechtswidrig -
nachteilig auf die Entwicklung des Efeus
gekappt werden und damit unersetzlicher
auswirken. Nur kleinere Bäume oder Sträu-
Lebensraum vernichtet wird. Eindringlicher
cher, wie Obstbäume, können vollständig
lässt sich ökologische Ignoranz wohl kaum
überwachsen werden.
unter Beweis stellen.
Am besten gedeiht er an der Eiche, er findet
Tatsächlich hat der Efeu für Bäume und
sich aber auch am Esche, Ahorn, Linde,
Ökosysteme zahlreiche Vorteile. Er ist
Ulme und Vogelkirsche.
einer der wenigen verholzten Lianen der
Efeu kann bis zu 450 Jahre alt werden. Im
einheimischen Flora und unser einziger
Schnitt erreicht er eine Höhe von 20, selte-
„Wurzelkletterer“, eine Pflanzenart, die den
ner von 30 Metern, für diese Entwicklung
ökologischen Wert unserer Bäume ganz
brauchte er immerhin 30-40 Jahre. Stirbt
entscheidend verbessert.
der Wirtsbaum ab, erklettert der Efeu in
Es ist also an der Zeit mit Vorurteilen
der Regel keinen zweiten Baum mehr. Aus
aufzuräumen:
Sicht der Evolution wäre es also kompletter
1. Efeu ist kein Parasit oder Schmarotzer
Irrsinn, Jahrzehnte zu investieren um dann
Der Efeu nutzt Bäume lediglich als Kletter-
endlich die Blühphase zu erreichen, nur um
hilfe, um bessere Lichtbedingungen zu er-
sich im Anschluß die eigene Lebensgrund-
reichen. Seine Haftwurzeln verankern sich
lage zu entziehen.
mechanisch an der Borke, ohne Wasser
3. Efeu „erdrosselt“ Bäume nicht
oder Nährstoffe vom Baum zu entziehen.
Efeuranken umschlingen den Baum nicht
Der Vergleich mit einem „Vampir“ ist somit
vollständig, sondern wachsen meist
falsch.
einseitig. Es gibt keine Hinweise auf
2. Efeu überwuchert keine Baumkronen
mechanische Schäden oder verminder-
Efeu bevorzugt halbschattige Bereiche
tes Dickenwachstum bei bewachsenen
und dringt selten in Baumkronen vor, da
Bäumen. Es wurden keine Einschnürungen
zu viel Licht ihm schadet. Im Schatten der
gefunden, auch bei der Untersuchung von
Baumkrone, am Stamm und den starken
Jahresringen konnte keine Reduktion des
Ästen herrschen die für Efeu optimalen,
Dickenwachstums bei mit Efeu bewachsen
d.h. relativ gemäßigten Lichtbedingungen.
Exemplaren nachgewiesen werden.
Am Boden kann der Efeu zwar jahrelang
4. Efeu schädigt die Rinde
als flächiger Bodendecker überleben,
Da Efeu nur haftet und nicht in die Rinde
allerdings reicht unter solchen Wachstums-
eindringt, bildet er eine Efeuhülle, die den
Natur & 48 48
bedingungen das Licht nicht aus, um die
Stamm vor Hitze- und Froststress schützt,