Page 87 - 30 Jahre Stadtmarketing – Chronik
P. 87
Der Begriff „Zeitenwende“ sollte beschreiben, was
im Europa des Jahres 2022 passiert ist. Mit dem
russischen Angriff auf die Ukraine war vieles nicht
mehr, wie es vorher war. Viele Menschen machten
sich auf den Weg in andere Länder, um Schutz vor
dem Krieg zu suchen – und kamen auch in Heili-
genhaus an.
Mehr oder weniger durch zufällige Kontakte oder
lose Verbindungen fanden damals im Wohnzim-
mer von Taner Egin-Richter spontan einige Men-
schen zusammen, die unbedingt helfen wollten
– sei es in der Ukraine, sei es hier vor Ort für die
ankommenden Flüchtlinge. Andreas und Rostys-
lava Holthaus, Dr. Peter Rüngeler, Rüdiger Welsch,
Frank Jakobs, Dr. Jan Heinisch, Dr. Tobias Kaiser und
Christoph Sondermann bildeten den frühen Nu-
kleus eines schnell wachsenden Projekts, zu dem
mittlerweile viele weitere Aktive gefunden haben.
Sie alle einte neben dem Hilfswillen ein – wenn
auch jeweils sehr verschiedener – berufl icher und
ehrenamtlicher Hintergrund, in dem man organi-
sieren und kommunizieren können muss. Wille,
Motivation, Ideen und Kontakte waren also aus-
reichend vorhanden. Blieb die Frage: Wie kann man
sich rechtssicher organisieren, damit zum Beispiel
Spendengelder ordnungsgemäß und transparent
vereinnahmt und nachvollziehbar ihrer Zweckbe-
stimmung zugefügt werden könnten?
Da war der Schritt zum Heiligenhauser Stadtmar-
keting sehr klein, weil seine Strukturen ja gerade
off en sind für jegliche neue Projektideen und mit
dem Förderverein eine rechtssichere Basis zur Ab-
wicklung zur Verfügung steht. Zudem hatte einer
der großen Mitgestalter des Stadtmarketings, Rolf
Watty, schon in den frühen 2000er-Jahren mit
dem Projekt „Füreinander – Miteinander“ Flücht-
lingsfamilien in Heiligenhaus geholfen, auch wenn
Letztere damals aus anderen umkämpften Teilen
der Welt stammten.
Der Hilfswille traf über die örtlichen Zeitungen und
die Sozialen Medien auf eine sehr große Hilfsbe-
reitschaft bei der Bevölkerung. Die Spendenein-
gänge waren schnell erheblich. Doch ging es für die
große Zahl hier ankommender Menschen natürlich
auch um ganz alltägliche Fragen: die Versorgung
mit einer Wohnung, das Stellen von Anträgen, die
Vermittlung medizinischer Hilfe und noch viel
mehr. All das geschah von Anbeginn an in enger
Abstimmung mit der Heiligenhauser Stadtver-
waltung, damit alle Räder bestmöglich ineinander-
greifen konnten. Ein besonderer Erfolg: Anders als
in vielen anderen Städten musste in Heiligenhaus
bis heute die hergerichtete Notunterkunft in einer
Sporthalle niemals belegt werden; für alle Ankom-
menden konnte jeweils umgehend Wohnraum
gefunden und notfalls hergerichtet werden.
Parallel starteten die ersten Hilfslieferungen per
Kleintransporter Richtung Ukraine, vor allem drin-
gend benötigte Medizinprodukte für ein konkretes
Krankenhaus. „Uns war vor allem wichtig, dass
die Ankunft der Spendengüter nachweisbar und
vorzeigbar war“, betont Taner Egin-Richter. Immer
wieder erreichten Bilder aus dem Krankenhaus mit
den Kartons aus Heiligenhaus die Helfer-Grup-
pe im Stadtmarketing. „Sehr wichtig ist natürlich
auch für die Kinder die Möglichkeit, hier schnell zur
Schule gehen zu können“, berichtet Rostyslava Holt-
haus. Ihr ist es zudem frühzeitig gelungen, einen
ersten Sprachkurs im „Club“ auch für die Erwachse-
nen anzuschieben.
Die Zahl der Flüchtlinge wuchs schnell auf rund
200 Personen an, vor allem Frauen mit Kindern,
87